Wie Unternehmen den Zwischenraum unterschätzen - und was die japanische Idee des Ma damit zu tun hat.
Stell dir vor, es gibt Zonen – aber niemand nutzt sie
Es klingt nach einem schlechten Witz: Ein Unternehmen investiert in eine moderne, zonierte Bürolandschaft. Fokuszone, Kollaborationsbereich, Ruhezone, Lounge, Phone Booths. Alles durchdacht, alles geplant, alles da.
Und trotzdem sitzt nach drei Monaten jeder wieder an demselben Platz wie zuvor.
Dieses Szenario ist kein Einzelfall. Eine Studie der Universität Sydney aus dem Jahr 2018 hat gezeigt, dass nur ein einstelliger Prozentsatz der Mitarbeitenden in Activity-Based-Working-Umgebungen die Zonen tatsächlich regelmäßig wechselt. Der Rest? Bleibt sitzen.
Das liegt nicht an mangelnder Bereitschaft. Und es liegt auch nicht an schlechten Möbeln. Es liegt an etwas, das auf kaum einem Grundriss eingezeichnet ist: dem Raum dazwischen.

Ma - das japanische Wort, das deutsche Büroplanung fehlt
Im Japanischen gibt es das Konzept des Ma (gesprochen: „maa"). Es lässt sich nicht direkt übersetzen, weil es im Deutschen keine direkte Entsprechung gibt. Ma beschreibt den bedeutungstragenden Zwischenraum - die Pause zwischen zwei Dingen, die selbst etwas bedeutet.
In der Musik ist Ma die Stille zwischen den Tönen. In der Kalligrafie der weiße Raum um das Schriftzeichen. In der Architektur das, was zwischen Räumen passiert.
In japanischen Tempeln führt kein einfacher Korridor zum Hauptraum. Es gibt Schwellen, Vorräume, Übergänge. An einer Stelle zieht man die Schuhe aus. An einer anderen senkt sich die Decke, bevor sie wieder steigt. Bis man den Hauptraum betritt, hat man sich innerlich umgestellt. Man ist ein anderer geworden.
Im deutschen Bürogrundriss heißt dieser Bereich: Verkehrsfläche.
Das Wort verrät alles. Es geht um Durchsatz, nicht um Verwandlung.
Vier Minuten, die alles verändern
Das Problem ist nicht nur ein kulturelles. Es ist ein neurowissenschaftliches.
Der präfrontale Cortex – das Hirnareal für komplexes Denken, für Planung und Entscheidung - braucht für jeden mentalen Moduswechsel rund vier Minuten. Vom Modus konzentriertes Arbeiten in den Modus Gespräch. Vom Modus Telefon in den Modus kreatives Denken. Diese vier Minuten lassen sich nicht beschleunigen oder überspringen.
In japanischer Architektur sind diese vier Minuten eingebaut. Der Weg durch die Schwelle ist die Umschaltzeit.
In deutschen Büros ist der Übergang zwischen Fokuszone und Lounge ein Korridor mit Teppichfliesen. Man kommt am anderen Ende noch im alten Modus an. Also lässt man es gleich bleiben und bleibt sitzen.
Ergänzend dazu der sogenannte Doorway Effect: Eine Studie der University of Notre Dame (2011) zeigte, dass das bloße Durchschreiten einer Tür im Gehirn einen Reset auslöst. Das Kurzzeitgedächtnis löscht Inhalte, die zur alten Umgebung gehören. Planerinnen und Planer können diesen Effekt gezielt nutzen - wenn sie ihn kennen und den Übergang entsprechend gestalten.
Was Unternehmen tun – und was sie vergessen
Activity-Based Working ist kein schlechtes Konzept. Es ist ein gutes Konzept, das oft unvollständig umgesetzt wird.
Unternehmen geben fünfstellige Beträge für Akustikwürfel, Phone Booths und Lounge-Möbel aus. Sie denken Zonierung als Räume: Hier ist Raum A, dort Raum B, dazwischen ein Pfeil im Grundriss. Erledigt.
Aber unser Gehirn funktioniert nicht so. Es braucht nicht nur die Ziele, sondern auch den Weg dorthin. Nicht nur die Räume, sondern die Schwellen.
Das Paradoxe: Der fehlende Faktor ist oft auch der günstigste. Ma lässt sich bauen - und es kostet nicht zwingend mehr. Manchmal sogar weniger, weil Fläche neu gedacht wird, statt zugepflastert zu werden.
Drei Hebel, um Ma ins Büro zu bringen
Es braucht kein komplett neues Raumkonzept, um Übergänge wirksam zu gestalten. Drei Ansätze haben sich als besonders wirkungsvoll erwiesen:
1. Materialwechsel unter den Füßen
Wer aus einer Fokuszone in eine Lounge tritt, sollte das spüren. Hartboden zu Teppich. Beton zu Holz. Der Körper registriert den Unterschied in Millisekunden - und das Gehirn interpretiert: andere Welt, anderer Modus.
2. Lichtdramaturgie in Übergangszonen
Übergänge sollten etwas dunkler sein als die Räume davor und dahinter. Ein leicht abgedunkelter Bereich zwischen zwei hellen Zonen wirkt wie eine Augen-Reset-Strecke. Der mentale Moduswechsel wird aktiv unterstützt.
3. Das produktive Nichts - Mu
Übergänge brauchen Leere. Keine Sitznischen, keine Pflanzen, keine Bilder. Der Übergang darf nicht selbst zur Zone werden, sonst verliert er seine Wirkung.
In Japan nennt man dieses bewusste Nichts Mu – das produktive Leere. In deutschen Planungsprozessen heißt es meistens: gestrichen.
Distanz als heimliche Architektur
Ein weiterer Faktor, der in der Büroplanung oft übersehen wird, ist die Entfernung zwischen Arbeitsbereichen.
Der MIT-Forscher Thomas Allen bewies bereits in den 1970er Jahren: Wer mehr als 50 Meter voneinander entfernt sitzt, kommuniziert praktisch nicht mehr. Die nach ihm benannte Allen-Kurve fällt steil ab.
Für Activity-Based Working bedeutet das: Wer Teams zusammenhalten will, muss die Schwelle zwischen den Zonen kurz halten. Distanz ist die heimliche Architektur jedes Büros - und sie entscheidet mit darüber, ob Zonierung funktioniert oder nicht.
Fazit: Nicht die Zonen planen. Die Schwellen planen.
Activity-Based Working scheitert nicht an der Idee. Es scheitert an der Umsetzung – genauer gesagt, an dem, was zwischen den Zonen nicht passiert.
Ein Büro mit Ma und Mu ist nicht teurer als eines ohne. Es ist klüger geplant. Es weiß, dass Räume nicht nur aus Räumen bestehen, sondern auch aus den Pausen dazwischen. Wie Musik. Wie Sprache. Wie Atmen.
Wer Zonierung ernst meint, plant nicht die Zonen.
Er plant die Schwellen.
Dieser Beitrag basiert auf Ausgabe #148 des inperspective snacks Newsletters - „Sitzen bleiben" von Hannes Hilbrecht, erschienen bei PALMBERG Büroeinrichtungen.